Archiv für den Tag 10. Januar 2017

Herbst auf Rügen – Grenzentesten: Mein erstes Essen mit Stern im „freustil“

Wenn zwei sehr essensaffine Frauen unterwegs sind, gönnen wir uns natürlich auch was und probieren gerne aus. Im Vorfeld von gemeinsamen Urlauben recherchieren wir immer als erstes nach Essensmöglichkeiten und wurden schnell auf das „freustil“ aufmerksam. Kurz geguckt, für würdig befunden und Frau Kochschlampe reservierte uns einen Tisch für den Abend des ersten richtigen Urlaubstages.

Das Lokal lag nur 3 Minuten zu Fuß von unserer Ferienwohnung entfernt im Hotel „Vier Jahreszeiten“.

Im „freustil“ stehen dem Gast zwei Menüs zur Wahl – zum einen das „freustil“ Menü oder das „Naked nature“ Menü in vegetarisch. Je Menü sind sechs Gänge aufgeführt, deren Anzahl der Gast frei wählen kann. Und weil es mein erstes Mal Sternerestaurant war, ich aber die Begrenzung meines Magens kenne, entschieden wir uns für vier Gänge. Frau Kochschlampe wählte noch die passende Weinbegleitung, die für mich ja wegen lebenslangen Alkoholnichtmögens weg fällt. Wir wollten allerdings den Aperitif. Es wurde eine Reduktion aus Sanddornsaft (was sonst an der Ostseeküste *g*) gereicht, der mit etlichen Gewürzen gekocht und dann mit Prosecco oder alkoholfreiem Blubberwasser (ich weiß nicht genau, was da drin war) aufgegossen wurde. So wirklich richtig köstlich! Dabei machte ich auch mal wieder einen Versuch, Alkohol zu trinken. Ob das gleiche Grundgetränk mit einer alkoholischen Zutat sehr anders schmeckt als ohne? Tut es! Und mir nicht besser… Irgendwie betäubt Alkohol meine Geschmacksknospen auf der Zunge, so dass sich alles taub anfühlt. Nicht angenehm…

Aber kommen wir zum wichtigen Teil des Abends – das Essen! Als erstes bekamen wir frisches, helles Brot mit feinster Kräuterbutter und schwarzem Salz. Bei so einem Kohlehydratjunkie wie mir kann man damit ja überhaupt nichts falsch machen. Erst recht nicht, wenn es so gut schmeckt, wie diese Variante!

Dann brachten zwei der Köche einen Gruß aus der Küche. In dem Tablett fanden sich Quark mit einem knusprigen Brotchip und Schinken (links), mittig eine Blumenkohlvariation mit Huhn, bestehend aus ganzen Röschen, feinstem Püree und den Blättern, und rechts ein geräuchertes Wachtelei plus Brühe. Und diese Brühe! Oh! Mein! Gott! So unglaublich aromatisch! Das hat meinen Brühe-Horizont nochmal um einiges erweitert. Und ich habe noch nie so feines Püree gegessen, also von der Konsistenz her. Ein sehr gelungener Start ins Menü.

Als Vorspeise gab es für Frau Kochschlampe Rote Bete-Tatar umgeben von diversem Wurzelgemüse, das sehr großen Anklang fand.

Auf meinem Stein fand sich unter den Radieschenscheiben feinstes Rehtatar. War das Fleisch würzig-zart! Und passte hervorragend zur senfigen Schärfe der Radieschen und den bunten Saucekleckschen. Ich möchte in Zukunft mehr Wild essen. Ich mag den Geschmack sehr! Mir tat die Bedienung etwas leid, weil dieser Stein echt schwer war, aber macht natürlich auch schwer was her *g*

Frau Kochschlampes Zwischengang nannte sich „Waldillusion“. Am äußersten Rand des Brettes war eine Nocke Johannisbeersorbet zu finden, mittig ein Maronenfalafel, dazu etwas, dass wie Baumborke aussah, aber definitiv nicht so schmeckte (wir konnten beide den Geschmack nicht eindeutig zuordnen) und ein paar Scheibchen schwarze Walnüsse. Wie ihr seht, verstecken sich ein paar Pilzscheiben, um die Illusion eines Waldes samt seiner pflanzlichen Bewohner perfekt zu machen. Eine wirklich schöne Zusammenstellung der Aromen und unterschiedlichsten Konsistenzen. Wenn ich mich recht entsinne, war dies Frau Kochschlampes Lieblingsgang!

Mein Zwischengang war eine Kürbismilch, in der Teekanne serviert, die ich dann am Tisch über ein Kürbis-Dreierlei mit pochierter Landhuhnbrust goss. Das Kürbis-Dreierlei bestand aus dünnen, gebackenen Kürbisstreifen, gekochtem Kürbis und Kürbisperlen. Die Kürbismilch, eigentlich eine Kürbissuppe mit Kokosmilch verfeinert, war angenehm samtig und wohlig wärmend. Wunderbar!

Frau Kochschlampes vegetarischer Hauptgang bestand aus gegrillten Spitzkohlvierteln (auf dem Brett rechts) und marinierten Belugalinsen plus gebratenem Schafskäse. Zur weiteren Aromatisierung wurden wieder viele frische Kräuter verwendet, wie Euch bei den vorangegangenen Gängen vielleicht schon aufgefallen ist. Ich mag es, wenn so viele Kräuter benutzt werden und versuche das auch in meiner Küche umzusetzen. Jedenfalls war Frau Kochschlampe sehr angetan von dem Gericht!

Ich hatte den Ochsen gewählt, der mit supercremigem Kartoffelstampf, in Salz gegarten Bunten Beten und frittiertem Kartoffelstroh serviert wurde. Dazu gab es noch Grüne Sauce, die wunderbar kräuterig schmeckte. Das Fleisch war so unglaublich zart und schmeckte angenehm unneutral, aber nicht übermäßig stark. Genau richtig. Die Beten waren schön zart, aber mit Roter oder welcher Bete auch immer kann man bei mir ja nichts falsch machen. Die Salzgarmethode sollte ich auch definitiv ausprobieren. (*recherchieren wo ich große Mengen Salz bekomme*). Ich war sehr begeistert von diesem Gang!

Das „freustil“ fand ich sehr gemütlich eingerichtet. Eher wie ein Wohnzimmer im skandinavischen Stil denn ein Restaurant. Da kann man definitiv auch ein bisschen länger sitzen!

Nach dem Hauptgang schwächelte mein Magen schon ein bisschen und ich dachte „Wie gut, dass nur noch das Dessert kommt.“ Aber Pustekuchen! Leichte Verzweiflung machte sich bei mir breit, die Frau Kochschlampe hoch amüsant fand, als ein zweiter Gruß aus der Küche kam. Ein bisschen was, um unsere Geschmacksknospen auf das Dessert vorzubereiten. Es bestand aus dem Johannisbeersorbet, dass wir schon bei Frau Kochschlampes Zwischengang kennenlernten, einer Beerenlimonade im Gläschen rechts und einem Kaffeeschaum mit Himbeeren und Kaffeeschokokrümel, auf denen ein Bruchteil Aschebaiser war. Das Sorbet und die Limonade waren großartigst köstlich! Und die Creme auch handwerklich wirklich wunderbar, nur war da Kaffee drin. Und Kaffeegeschmack mag ich wirklich gar nicht. Noch vor Alkohol schmecke ich Kaffee aus Essen raus, z.B. Tiramisu. Ich weiß, ich bin seltsam in meinen Abneigungen (Alkohol, Kaffee, dunkle Schokolade, Kokos, Schwarzer Tee)…

Noch ein paar Worte zum Wein. Ich trinke zwar keinen Alkohol, aber rieche gerne dran. Und hier bot sich mir die Chance, mal wirklich die Unterschiede zwischen den Weinen zu erfahren, die zu den einzelnen Gängen ausgesucht wurden. Wir baten die Bedienung einfach, die Gläser auf dem Tisch zu lassen. Und es war hochspannend für mich! Einer duftete tatsächlich blumig, ein anderer eher herb und sogar vom Duft konnte ich sagen, dass die gut zu den einzelnen Gerichten gepasst haben, auch wenn Frau Kochschlampe meinte, dass sie doch noch ein bisschen anders schmeckten als sie rochen. Spannend! (Ich fände ja auch die Bewirtschaftung eines Weingutes total cool, nur probieren usw. könnte ich meine eigenen Erzeugnisse dann nicht *g*)

Dann kam unser letzter Gang. Frau Kochschlampes Dessert nannte sich „Sweet Herbs“. Dabei waren Kerbelperlen neben Petersilienschaum und Basilikumeis zu finden. Serviert wurde das ganze noch mit einem Kräutersponge, also Biskuitteig, der mit Kräutern verfeinert wurde. Wieder Begeisterung auf der anderen Tischseite!

Ich hatte „Fast einen Pflaumenkuchen“. Neben dem Schüsselchen mit marinierten Pflaumen und Vanillecreme auf denen sich Salzkaramell-Borke kringelte, fanden sich auf dem Teller roher Kuchen- und Streuselteig. Und mit rohem Kuchenteig hat man bei mir immer gewonnen! Dazu die etwas säuerlichen Pfläumchen mit der traumhaften Vanillecreme (zum Glück ohne Alkohol oder Kaffee drin *puh*), wirklich ein schönes Dessert! Irgendwie komme ich auf den Dessertgeschmack *g*

Ein wirklich wunderbarer Abend mit großartigem Essen! Es waren tatsächlich Kombinationen und Zubereitungsarten bei, die ich mir so nicht hätte vorstellen können. Die Produkte qualitativ hochwertig und dann handwerklich sehr gut umgesetzt. Die Bedienungen waren sehr freundlich, zuvorkommend und angemessen zurückhaltend. Nun habe ich nicht viel Erfahrung mit Sternelokalen, aber hier lohnte sich jeder Cent. Frau Kochschlampe und ich können dieses Restaurant aus tiefstem Herzen empfehlen! Ich war wirklich begeistert und habe Lust auf mehr gutes Essen.

Adresse:
freustil
Zeppelinstraße 8
18609 Binz

Telefon: 038393 – 50444
Internet: http://www.freustil.de/

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